Wer die äußerst erfolgreiche Krimireihe Jussi Adler-Olsens um den dänischen Kommissar Carl Mørck zum Maßstab nimmt, wird von seinem Erstlingswerk wahrscheinlich enttäuscht werden.
Das fast 600 Seiten starke Buch handelt von 2 englischen Piloten, die 1944 über dem Deutschen Reich abgeschossen werden, sich in eine SS eigene Nervenheilanstalt für traumatisierte Soldaten flüchten, dort Schreckliches erleben, sich trennen und nach einem literarischen Brachialschnitt 28 Jahre später im Nachkriegsdeutschland wiederfinden. Garniert wird die an sich interessante Idee mit jeder Menge Nazis und ihren Verbrechen, einem Schatz, entsetzlichen Psycho-Experimenten, skurrilen Rachemorden, spießigen Liebesbeziehungen und einer am Ende gescheiterten Männerfreundschaft.
Es ist natürlich generell schwer, einen Roman in einem Kulturkreis anzusiedeln, in dem man nicht zu Hause ist. Dieses Manko könnte man natürlich durch akribische Recherche kompensieren, die im “Alphabethaus” aber leider nur unzureichend stattfand. Allerdings stößt man als interessierter Leser, abgesehen von völlig unlogischen Handlungsabläufen und einer holprigen Sprache im ersten Teil des Werkes auf haarsträubende fachliche Fehler.
Ich erlaube mir symptomatisch auf die Seiten 14 und 15 hinzuweisen. Ein alliiertes Aufklärungsflugzeug des Typs “Mustang” verfügte z.B. als Bewaffnung neben den Kameras über Maschinengewehre. Demzufolge können die beiden Piloten das Feuer nicht aus Maschinenpistolen erwidert haben, denn das sind ausschließlich Handfeuerwaffen. Der Beschuss eines Aufklärers mit einem Flakzwilling 40 ist ebenfalls absoluter Blödsinn, denn das Kaliber von 12,8 cm ist nur für sehr große Höhen sinnvoll, die Piloten befanden sich aber lt. Text im Tiefflug über die Baumwipfel. Dann wird zu allem Überfluss auch noch von einer Flak 38-Zwanzig Millimeter-”Antiluftschutzkanone” gesprochen. Was soll denn das bitte sein? Eine Kanone, die Luftschutz verhindern soll? So eine Bezeichnung kann nur von einem Laien erfunden worden sein oder der Übersetzungscomputer wurde ungeprüft in Anspruch genommen, denn schon die Anwendung einer gewissen Logik würde auf den Fehler aufmerksam machen.
Für ein Analgetikum würde doch auch keiner auf die Idee kommen, es als Antischmerzschutzkapsel zu definieren.
Leider ziehen sich die Ungereimtheiten wie ein roter Faden durch den überlangen Roman, so dass sich auch nicht herauskristallisiert, ob er zu einem epischen Antikriegsbuch, einem absurden Militärkrimi oder einem psychologischen Drama tendiert. Jussi Adler-Olsen wollte im Anspruch allen Literaturgenres gerecht werden und ist damit nach meiner Einschätzung frei nach dem alten Fritz, “Wer alles defendieren will, defendiert am Ende gar nichts.”, leider gescheitert.
Da aber die eindimensional und flach wirkenden Protagonisten sehr schön jedes Klischee im Dritten Reich und im Nachkriegsdeutschland erfüllen, ordentlich Action die Handlung aufpeppt, genügend sadistische Abläufe bis ins Detail beschrieben werden und Sex noch nicht mal in weichgespülter Form vorkommt, ist der Plot bestens geeignet, in einem Hollywood Spielfilm als Drehbuch zu dienen.